Gold, Garküchen, große Gesten – Myanmar überrascht auf leise Art. Zwischen Pagoden, Mönchen und Mopeds begegnet man einem Land, das sich langsam öffnet und dabei seinen Zauber bewahrt. Wer hier reist, bekommt keinen Komfort, sondern Charakter – und Momente, die sich nicht inszenieren lassen.
Alte Pracht, neuer Rhythmus
Yangon
Eigentlich stand Myanmar gar nicht auf meiner Liste. Doch irgendwann fiel der Name immer wieder – geheimnisvoll, goldglänzend, politisch schwierig. Also schrieb ich ein paar lokale Reiseagenturen an, und kurz darauf stand der Plan: drei Stopps – Yangon, Mandalay und Bagan – organisiert, aber mit Abenteuerpotenzial. Anreise über Bangkok, und schon saß ich im Flieger in ein Land, das sich anfühlt, als wäre die Zeit irgendwann in den 80ern stehen geblieben.
Der Flughafen wirkt wie ein Anbau aus einer anderen Epoche, draußen warten Mopeds, Tuk-Tuks, hupende Taxis und freundliche Gesichter. Männer tragen Longyis, Wickelröcke mit Stil, und Frauen schmücken ihre Wangen mit Thanaka – einer gelblichen Paste aus Baumrinde, die gleichzeitig Sonnencreme, Make-up und Beauty-Trend ist. Ich frage meine Begleiterin, ob das Make-up oder Medizin sei – sie lacht, schmiert mir kurzerhand etwas davon auf die Wange und sagt: „Jetzt bist du einer von uns.“ Kühlend, angenehm – und laut ihrer Einschätzung: „jetzt hübscher“.
Schon auf der ersten Fahrt durch die Stadt fällt mir etwas auf: Fast jeder kaut. An Straßenecken, in Läden, beim Autofahren – überall Menschen mit prall gefüllten Wangen und roten Lippen. Es ist Betelnuss, ein landesweiter Volkssport. Die Mischung aus Nuss, Kalk und Gewürzen wirkt leicht anregend – und färbt den Speichel leuchtend rot. Entsprechend sehen viele Straßen aus wie expressionistische Kunstwerke: rote Sprenkel auf Asphalt, Mauern und Bordsteinen. Mein Guide bietet mir freundlich einen Streifen an. Ich lehne dankend ab – ein Kaffee tut’s auch.
Yangon, früher Rangun, ist ein Mix aus Kolonialzeit und Chaos. Zwischen bröckelnden britischen Gebäuden verkaufen Händler Obst, Räucherstäbchen und frittiertes Irgendwas. Auf den Märkten stapeln sich Mango, Papaya, Teeblätter, getrockneter Fisch und Gewürze. Es riecht nach allem gleichzeitig. Dazwischen knattern Mopeds, ein Mönch ruft Spendenaufrufe, und plötzlich läuft man in eine ganz andere Welt: die Shwedagon-Pagode.
98 Meter Gold, glitzernde Edelsteine, betende Gläubige. Der Stupa soll über 2500 Jahre alt sein und acht echte Haare Buddhas enthalten – und im Abendlicht strahlt er so hell, dass selbst die Sonne kurz neidisch schaut. Ich laufe barfuß über den warmen Marmor, Mönche murmeln Gebete, Kinder jagen Tauben – es ist laut, still, heilig und menschlich zugleich.
Am nächsten Tag besichtigen wir den Chauk Htat Gyi, den liegenden Buddha – 65 Meter lang, mit friedlichem Gesicht und kunstvoll verzierten Fußsohlen. Danach noch eine traditionelle Tanzaufführung: goldene Kostüme, Trommeln, präzise Bewegungen. Schön, fremd und irgendwie hypnotisch.
Fotografieren darf man fast alles – nur nicht alles, was man will. Vor Regierungsgebäuden herrscht striktes Kamera-Verbot, und als ich einmal unbedarft den Auslöser hebe, schüttelt mein Guide schnell den Kopf: „No pictures!“ Ich stecke die Kamera weg – Myanmar bleibt ein Land, das man besser beobachtet als dokumentiert.
Yangon ist laut, warm, widersprüchlich und wunderbar echt. Eine Stadt, in der Gold und Garküchen, Gebete und Verkehr, Tradition und Improvisation mühelos nebeneinander existieren – und genau das macht sie so faszinierend.
Mönche, Märkte & Morgenrituale
Mandalay
Von Yangon geht es diesmal per Inlandsflug nach Mandalay – mit einem Propellerflugzeug, das mehr nach Abenteuer aussieht als nach Komfort, aber zuverlässig sein Ziel erreicht. Kaum gelandet, schlägt einem die Hitze entgegen, der Staub weht über die Straßen, und Mopeds knattern im Chor. Mandalay – das klingt exotisch und geheimnisvoll, ist aber in Wahrheit Myanmars zweitgrößte Stadt: geschäftig, chaotisch, aber voller Leben.
Gegründet wurde sie 1857 vom letzten König des Landes, Mindon Min, der hier ein neues Machtzentrum errichten wollte – samt Königspalast, Pagoden und Klöstern. Lange hielt die Pracht nicht: 1885 marschierten die Briten ein, schickten den König ins Exil und machten Mandalay zum kolonialen Außenposten. Der Königspalast wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, später originalgetreu wiederaufgebaut – heute ein eindrucksvolles Areal mit roten Holzpavillons, Wachtürmen und weiten Innenhöfen. Vieles wirkt neu, fast zu perfekt, doch wer durch die stillen Hallen läuft, spürt den Geist vergangener Zeiten.
Nicht weit entfernt liegt eines der schönsten Bauwerke Myanmars: das Shwenandaw-Kloster (Shwenandaw Kyaung), ein komplett aus Teakholz gebautes Meisterwerk. Ursprünglich Teil des alten Königspalasts, wurde es rechtzeitig versetzt – und so entging es der Zerstörung. Das Kloster ist über und über mit filigranen Holzschnitzereien geschmückt: mythische Figuren, Tänzer, Drachen, Blumenornamente. Wenn das Sonnenlicht durch die Lamellen fällt, scheint das ganze Gebäude zu atmen – warm, golden, friedlich. Hier riecht es nach Holz, Staub und Vergangenheit.
Am frühen Morgen besuche ich das Mahagandayon-Kloster in Amarapura, eines der größten Klöster des Landes. Noch vor Sonnenaufgang sitzen dort hunderte Mönche aufgereiht, jeder mit seiner schwarzen Reisschale. Schweigend warten sie auf ihre Mahlzeit: Reis, Gemüse, Suppe – schlicht, aber mit Hingabe zubereitet. Einige sind kaum älter als zwölf, kahlgeschoren und barfuß, mit einer Ruhe, die man sonst nur in Meditationszentren findet. Der Moment ist eindrücklich – diszipliniert, still, fast meditativ.
Kurz darauf schlägt mein Guide vor, eine Grundschule zu besuchen. „Willst du mal sehen?“ – und fünf Minuten später sitze ich tatsächlich mitten im Klassenzimmer. Holzbänke, Kreidetafel, ein Ventilator, der mehr Geräusch als Wind macht.
Die Kinder rufen laut durcheinander, lachen, lernen Mathe – und ich werde spontan Teil der Stunde. Alle winken, jemand ruft „Hello!“, und plötzlich bin ich offizieller Ehrengast des Unterrichts.
Auf dem Rückweg halten wir zufällig bei einer Hochzeit einer einfachen Bauernfamilie. Mein Guide fragt, ob ich kurz schauen will – zehn Minuten später sitze ich zwischen Verwandten, bekomme Tee und Kuchen serviert und werde freundlich in die Festgesellschaft aufgenommen. Musik scheppert, Kinder tanzen, und alle lachen. Es ist einer dieser Momente, die man nicht planen kann – und genau deshalb nie vergisst.
Am Nachmittag führt der Weg zur U-Bein-Brücke, 1,2 Kilometer lang, gebaut aus altem Teakholz. Sie ist die älteste und längste Brücke dieser Art weltweit – und bei Sonnenuntergang der schönste Ort Mandalays. Mönche schlendern gemächlich über die Planken, Fischer rudern unter ihnen hindurch, das Licht taucht alles in warmes Gold. Es ist still, friedlich, fast filmreif.
Zurück in der Stadt besuche ich mehrere Handwerksbetriebe. In einer Werkstatt für Blattgold hämmern Männer im Takt, bis das Gold so dünn ist, dass es im Wind tanzen würde. In einer Weberei rattern die alten Holzstühle, farbenfrohe Stoffe entstehen in endloser Geduld. Und in einer offenen Halle meißeln Handwerker Buddha-Statuen aus Stein – die Luft riecht nach Staub, Schweiß und Räucherwerk, und der Klang der Hämmer ist fast meditativ.
Zum Abschluss schlendere ich über den Zay-Cho-Markt, Mandalays größten Markt. Hier duftet es nach Gewürzen, Teeblättern und gebratenem Knoblauch, es wird gefeilscht, gelacht, gekocht. Ich probiere frittiertes Gemüse, eine scharfe Nudelsuppe und zum Nachtisch süßen Kokosreis – kein Fine Dining, aber ziemlich fein.
Wenn am Abend die Sonne über Mandalay untergeht, glüht die Stadt in Staub und Gold. Weniger glänzend als Yangon, weniger mystisch als Bagan – aber ehrlicher, näher dran, echter. Mandalay zeigt, wie Myanmar wirklich ist: laut, herzlich, bodenständig. Und das ist vielleicht die schönste Form von Reichtum.
Zwischen Fluss, Pagoden & Perspektiven
Bagan
Von Mandalay nach Bagan reise ich diesmal per Boot – eine gemütliche Variante, wenn man es nicht eilig hat. Frühmorgens legt das Schiff ab, der Nebel hängt über dem Ayeyarwady-Fluss, und die Stadt verschwindet langsam hinter einer Staubwand. Das Wasser ist ruhig, nur hin und wieder gleitet ein Fischer vorbei oder ein Wasserbüffel taucht halbherzig den Kopf aus dem Fluss.
Die Fahrt dauert Stunden, aber langweilig wird es nicht. Links und rechts ziehen Dörfer vorbei – Bambushütten, Palmen, ein paar Kinder, die vom Ufer aus winken. Frauen waschen Wäsche, Männer flicken Netze, irgendwo kräht ein Hahn. Je weiter wir Richtung Süden fahren, desto mehr Pagoden tauchen am Ufer auf. Zuerst einzelne kleine, dann immer häufiger – goldene Spitzen zwischen Bäumen, verfallene Ziegelstupas im Gras. Es ist, als würde man sich langsam in ein anderes Jahrhundert hineinbewegen.
Am späten Nachmittag erreichen wir Bagan, einst Hauptstadt des Königreichs Pagan und heute so etwas wie das Herzstück Myanmars. Über 2000 Tempel und Pagoden stehen hier, verstreut über die weite Ebene. Mein Guide begrüßt mich mit einem Lächeln und einem enthusiastischen „Many temples today!“ – was sich später als ernst gemeinte Warnung herausstellt.
Wir fahren im Jeep über staubige Wege, vorbei an Ochsenkarren und kleinen Ständen, an denen Kokosnüsse und Benzin in Plastikflaschen verkauft werden. Die Tempel unterscheiden sich kaum im Grundprinzip, aber jeder erzählt seine eigene Geschichte: rotbraune Ziegel aus dem 11. Jahrhundert, vergoldete Spitzen aus späteren Zeiten, Buddhafiguren in allen Größen. Ich höre aufmerksam zu, nicke fleißig – aber innerlich warte ich nur auf den Moment, von dem jeder spricht: den Sonnenuntergang über Bagan.
Kurz vor Abend klettern wir auf den Rand einer alten Pagode. Barfuß natürlich – der Stein ist noch warm vom Tag, und man spürt jeden Sonnenstrahl der letzten Stunden.
Mit ein paar anderen Reisenden sitze ich auf der Kante, über uns langsam abkühlende Luft, vor uns eine endlose Ebene aus Tempeln, Palmen und rotem Staub.
Dann senkt sich die Sonne. Erst golden, dann orange, dann dieses warme, tiefe Rot, das man nie richtig beschreiben kann. Die Spitzen der Pagoden beginnen zu glühen, der Himmel wird weicher, und für ein paar Minuten scheint das Licht zu stehen. Kein Verkehr, kein Geräusch, nur Wind und Weite. Ein Moment, der stiller ist als jede Meditation.
Später geht es zurück nach Yangon, dann weiter nach Bangkok. Drei Stationen, hunderte Eindrücke – und das Gefühl, dass Myanmar mir mehr gezeigt hat, als ich erwartet hatte. Ich will zurück: zum Inle-See, den ich diesmal ausgelassen habe, zu den Stränden im Süden, von denen man sagt, sie seien so unberührt wie Thailand vor 40 Jahren – und zu den Menschen, die dieses Land prägen.
Denn das bleibt am meisten hängen: Überall, wo ich auftauche, werde ich angeschaut – neugierig, freundlich, aber nie aufdringlich. Touristen sind hier noch keine Gewohnheit, eher eine kleine Sensation. Die Leute wissen noch nicht genau, was sie mit einem anfangen sollen – aber sie wollen auch nichts verkaufen. Kein „Taxi?“, kein „You buy something?“ – nur echtes Interesse.
Als ich Myanmar verlasse, wünsche ich dem Land und seinen Menschen, dass sie bald frei reisen, handeln und lachen können, ohne Einschränkungen. Dass sie ihre Türen öffnen – nicht für den schnellen Profit, sondern um ihre Ruhe, Wärme und Schönheit mit der Welt zu teilen.
Myanmar bleibt ein Land, das nicht laut glänzt – sondern leise beeindruckt. Und genau das macht es unvergesslich.
Das war Myanmar!
Drei Stopps, tausend Eindrücke – Yangon, Mandalay und Bagan zeigen, wie vielfältig Myanmar ist: laut und still, staubig und golden, freundlich und ein bisschen aus der Zeit gefallen. Ich will wiederkommen – zum Inle-See, zu den Stränden im Süden und zu den Menschen, die dieses Land mit Herz und Gelassenheit tragen.
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